Graue Riesen halten ihren Zeitplan ein

Hobby-Ornithologe Gerhard Becker führt Exkursionsteilnehmer zu den Schlafplätzen der Kraniche im Günnemoor
Vollersode. Die Schlafplätze der Kraniche im Günnemoor in Verlüßmoor sind mittlerweile bekannt – und die Führungen mit dem Hobbyornithologen Gerhard Becker von der Hamberger Ortsgruppe des Naturschutzbundes Nabu schnell ausgebucht. Bei Exkursionen mit Becker sind nicht nur viele Kraniche, sondern auch jede Menge an Informationen über die grauen Riesen garantiert. Am Sonnabend nahmen rund 50 Interessierte an der Führung teil, darunter viele Kranichfreunde aus Ritterhude.
Um 17 Uhr war Treffpunkt beim Hofladen Lütjen, etwa eine halbe bis dreiviertel Stunde zu früh, wie sich später herausstellte. Die Kraniche, in anderen Ländern auch als Glücks- oder Göttervögel bezeichnet, hielten sich an ihre Zeit und flogen erst pünktlich ab 18.30 Uhr ein. Der Sonnenuntergang ist ihre Zeit, auch wenn die Sonne am Sonnabend hinter den dicken Wolken nur zu erahnen war und es viel früher dunkel wurde. Andererseits flogen gleich beim Eintreffen sechs Kraniche über die Köpfe der Beobachter hinweg, ließen ihren Schlafplatz allerdings noch links liegen.
Als die Masse der Vögel landete, waren vernünftige Fotos mit den normalen Kameras nicht mehr möglich. Die Formel zur Landung lautet: Je dunkler der Abend, desto zahlreicher die Vögel. Heiko Ilchmann, der zusammen mit Becker die Führung leitete, meinte später: “So 1500 Kraniche sind das wohl.” In der Ferne waren da aber schon weitere Ankömmlinge sichtbar. Becker und Ilchmann hatten beide ein Spektiv aufgebaut, womit die bereits gelandeten Tiere toll zu beobachten waren. Eine Teilnehmerin beim Blick durch das Beobachtungsfernrohr: “Jetzt ist überall Tumult.” Heiko Ilchmann erfüllte sogar besondere Wünsche: “Jetzt habe ich einen Jungvogel ganz links.” Der Ritterhuder Eduard Lottes: “Das ist einfach wunderbar, ich seh’ überall Köpfe. Toll, so hätte ich das nicht erwartet.” Bärbel Neitzel aus Wallhöfen hat zwar beim Joggen oder Spazierengehen schon einzelne Gruppen von Kranichen gesehen, diese Mengen aber auch nicht vermutet. Beim Blick durch das Spektiv meinte sie: “Da sind ganz viele Vögel und man sieht die hellen Farben so schön.” Ohne das Hilfsmittel waren die grauen Riesen später nur noch als grauer Streifen im braunen Torf auszumachen.
Unverwechselbarer Flug “Da hinten stehen ganz viele auf der Wiese, das sieht schon imposant aus”, meinte Johann Deja aus Albstedt zu seiner Begleiterin Conny Ross und reichte ihr sein Fernglas. Obwohl beide schon in Zingst Kraniche beobachtet hatten, fanden sie den Ausflug ins Günnemoor und die Anzahl der gesichteten Kraniche “cool”. Dabei ist es zurzeit erst die Anfangszeit der “Kranichsaison”. Becker wie auch Ilchmann erwarten Mitte bis Ende Oktober die größte Anzahl und hoffen in diesem Jahr die 5000 zu knacken.
Becker berichtete von weiteren Beobachtungsorten und zählte das Huvenhoopsmoor bei Augustendorf mit rund 15 000 Kranichen und das Naturschutzgebiet Tister Bauernmoor auf. Dort, in der Nähe von Sittensen, gebe es gar eine tolle Aussichtsplattform für das im Oktober allabendliche “Kranichkonzert”.
Durch seinen trompetenartigen Schrei ist der Riesenvogel unverwechselbar, oft sind die Kraniche schon zu hören, bevor sie zu sehen sind. Becker nannte ein weiteres Unterscheidungsmerkmal, insbesondere zu den vielen Graugänsen, die am Sonnabend kreischend über das Günnemoor flogen, und die Teilnehmer hatten schnell verstanden. Oft war zu hören: “Das sind Gänse, da gucken keine Füße raus.” Becker: “Der Kranich hat einen unverwechselbaren Flug, er fliegt langgestreckt. Hals und Beine sind komplett ausgestreckt, die Füße schauen weit hinter den Schwanzfedern raus.” Viele Teilnehmer der Führung wollen ein weiteres Mal am Günnemoor vorbeischauen. Die Kraniche fühlen sich hier wohl, da sie dank Wiedervernässung nachts mit den Beinen im Wasser stehen können und somit vor ihren Fressfeinden geschützt sind. Die großen Vögel sind sehr sensibel und hier geschützt vor Störungen.
Blitzlicht beispielsweise oder Hundegebell würde sie aufschrecken und für ein erneutes Auffliegen und damit Energieverlust sorgen. Das kann für den Weiterflug gen Süden schreckliche Folgen haben – Becker hofft deshalb auf Rücksichtnahme am Schlafplatz der Kraniche.

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